Was ist Bibliolog?

Bibliolog 

Bibliologmerkmale

Bibliolog ist ein Weg gemeinsam mit Gemeinden, Gruppen, Jugendlichen oder Schulklassen eine biblische Geschichte zu entdecken. Die Teilnehmenden versetzen sich dabei in die biblischen Gestalten hinein. In diesen Rollen füllen sie die „Zwischenräume" der Texte oder das „weiße Feuer" mit ihren Erfahrungen und ihrer Phantasie, indem sie auf Fragen antworten, die in der Bibel offen bleiben. Sie gewinnen dadurch einen lebendigen Zugang zu dem „schwarzen Feuer" der Buchstaben des Textes und entdecken die Bedeutung der Bibel für ihr Leben heute.
 
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 Er dauert in der Regel 15 bis 30 Minuten. Wie groß die Gruppe ist, ist nach oben offen. 

Wo kann man Bibliolog einsetzen?

Bibliolog lässt sich in ganz unterschiedlichen  Handlungsfeldern in Kirche, Schule und darüber hinaus einsetzen: Als „Predigt mit der ganzen Gemeinde" im Gottesdienst, als Heranführung an biblische Geschichten in der Jugendarbeit oder in der Arbeit mit Konfirmandinnen und Konfirmanden, in Gemeindegruppen, Hauskreisen oder auf Seminaren und Tagungen, als Einheit in der Kita oder im schulischen Religionsunterricht, aber auch mit Menschen ohne religiöse Sozialisation. Ein Bibliolog dauert in der Regel 15-30 Minuten. Es sollten nicht weniger als acht Teilnehmende sein, nach oben gibt es keine Beschränkungen in der Gruppengröße.

Bibliolog im Gottesdienst

Die Predigt als Bibliolog zu gestalten, bietet die Möglichkeit, mit der ganzen Gemeinde zu predigen, ohne das vertraute Setting zu verlassen: Alle bleiben auf Ihren Plätzen, niemand wird genötigt, sich aktiv zu beteiligen, aber allen wird ein Weg angeboten, dem biblischen Text persönlich zu begegnen. Die Predigttexte werden dabei häufig ganz anders und viel unmittelbarer auf das eigene Leben bezogen erlebt.

 

Woher kommt Bibliolog?

Erfunden wurde der Bibliolog von dem jüdischen Nordamerikaner Peter Pitzele auf dem Hintergrund seiner psychodramatischen und literaturwissenschaftlichen Kenntnisse gemeinsam mit seiner Frau Susan Pitzele, die anglikanische Christin ist. Nicht zufällig ist dieser Ansatz von einem Juden (der übrigens kein Theologe ist) entwickelt worden: Er entspricht der rabbinischer Auslegungsweise des Midrasch, nach der die Texte der Tora durch eine kreative Füllung ihrer Lücken ausgelegt werden können. Die rabbinische Hermeneutik unterscheidet zwischen dem "schwarzen Feuer", dem Buchstabengehalt der biblischen Texte, und dem "weißen Feuer" als dem Raum zwischen den Worten. Peter und Susan Pitzele leben in New York (zu ihrer Homepage kommen Sie -> hier).

 

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Bibliolog und Bibliodrama

Bibliolog und Bibliodrama sind verwandt: Beide gehen davon aus, dass sich durch ein „Hineingehen" in die biblischen Geschichten ein neuer Zugang zur Bibel eröffnet und dass die biblischen Geschichten Raum zur spielerischen Identifikation anbieten. Der Anteil an Selbsterfahrung ist im Bibliolog allerdings geringer als im Bibliodrama und er erfordert eine geringere Bereitschaft, sich auf innere Prozesse in einer Gruppe einzulassen. Bibliolog erfordert kürzere Zeitspannen als das Bibliodrama und ist niedigschwelliger, da die Teilnehmenden auf ihren Plätzen bleiben und primär sprachlich agieren; daher lässt er sich flexibler in unterschiedlichen Handlungsfeldern einsetzen.

 

Das Textverständnis des Bibliologs

Bibliolog geht davon aus, dass die biblischen Texte zwar aus anderen Zeiten und Kulturen stammen, aber für Menschen heute wichtig und bedeutsam sein können. Er geht - wie auch die neure Exegese - davon aus, dass die Texte mehrdeutig sind und von Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen und mit unterschiedlichen Erfahrungen verschieden gehört und verstanden werden. Dadurch, dass verschiedene Stimmen laut werden, können anderen Zugänge deutlich werden und die eigene Wahrnehmung erweitern oder verändern. Die Vielfalt an Aussagen und die unterschiedlichen Perspektiven relativieren die eigenen Deutungen, da die Deutungen anderer gleiches Recht beanspruchen und den eigenen Zugang als lebensgeschichtlich geprägt erweisen.

 

Zentrale Techniken im Bibliolog

Wesentlich für den Bibliolog sind das „echoing" und das „interviewing". Das echoing nimmt die Äußerungen der Teilnehmenden sprachlich auf und verstärkt sie. Auf diese Weise werden die eher leisen Aussagen für alle hörbar, und nur angedeutete emotionale Gehalte werden hervorgehoben. Damit wird einerseits jede Äußerung als wertvolle subjektive Aussage gewürdigt. Andererseits bekommen diejenigen, die sich äußern, die Chance, sich selbst noch ein wenig besser zu verstehen und noch tiefer in die Rolle hineinzukommen. Das echoing verlangt von der Leitung neben der Fähigkeit zur Empathie und einem guten Kontakt zu den Einzelnen ein hohes Maß an Übung, denn Missverstehen und Fehlinterpretationen entmutigen und verkehren die Chance des Bibliologs in ihr Gegenteil. Wichtig ist zudem, dass von der Leitung die Rolle nicht ‚besser' ausgefüllt wird, sondern die Identifikation der jeweiligen Person das Entscheidende bleibt.

Im „interviewing" kann auch nachgefragt werden, wenn beispielsweise Inhalte nur angedeutet werden. Die Leitung muss dabei jedoch in der Linie der Teilnehmerin bleiben, es ist nicht ihre Aufgabe, einen Aspekt hervorzulocken, der sie selbst interessiert..

Unverzichtbar sind weiter das „enroling" und das „deroling" sowie der Prolog und der Epilog. Wesentlich ist zudem der Aufbau, die „Choreographie" eines Bibliologs, konkret: an welchen Stellen welche Fragen an welche Personen gestellt werden.

 

Wie kommt man dazu, Bibliolog zu praktizieren?

Auch wenn ein Bibliolog beim Erleben „einfach" wirken kann und an manches anschließt, was in der Praxis bereits durchgeführt wird, muss man Bibliolog erlernen und kann ihn nicht einfach ausprobieren, denn Bibliolog ist im Detail sehr komplex und sein Gelingen hängt von diversen Aspekten ab, die auf den ersten Blick nicht unbedingt erkennbar sind. Dafür gibt es standardisierte Fortbildungen, in denen die Grundlagen gelegt werden, mit dem Bibliolog zu arbeiten. Sie umfassen eine Woche (Mo bis Fr) oder zwei Wochenenden. Solche Fortbildungskurse gibt es in (fast) allen Teilen Deutschlands für unterschiedliche Zielgruppen, in vielen europäischen Nachbarländern sowie in einigen afrikanischen Ländern. Alle Trainerinnen und Trainer, die die Fortbildungen leiten, sind im Bibliolog Netzwerk zusammengeschlossen und von diesem zertifiziert.

Bibliolog-Kurse finden Sie hier.

 

Wie sieht ein Bibliolog konkret aus?

Die Bibliologin oder der Bibliologe führt im „Prolog" zunächst in diesen Zugang kurz ein. In der „Hinführung" wird in die konkrete biblische Geschichte eingeleitet, die wesentlichen Informationen über den Text werden erzählerisch vermittelt und die Identifikation mit der ersten Rolle wird angebahnt. An einer Stelle, wo „weißes Feuer" loder, schlägt die Leitung die Bibel auf und liest einen Satz oder einen kurzen Abschnitt. Aus diesem weist sie der Gemeinde die Rolle einer biblischen Gestalt zu („enroling") und spricht sie in dieser an.

In der Geschichte von der Aussendung der Zwölf (Mk 6,7-13) könnte zunächst Vers 7 gelesen werden: „Und er rief die Zwölf zu sich und fing an, sie auszusenden je zwei und zwei und gab ihnen Macht über die unreinen Geister." Den Teilnehmenden wird zunächst die Rolle der Jünger zugewiesen: „Sie sind einer der Jünger. Jünger, du wirst von Jesus ausgesendet und bekommst Macht über die unreinen Geister zugesprochen. Wie ist das für dich?"

Wer möchte, äußert sich dazu (nacheinander) in der Rolle eines Jüngers, und zwar in der Ich-Form.

Auf der Folie der persönlichen Lebensgeschichte mag daher der eine spontan äußern: "Das ist mir noch zu groß - was traut mir Jesus da zu"? Eine andere sagt hingegen vielleicht: "Ich bin bereit." Ein dritter könnte äußern: „Gut, dass wir zu zweit gehen", die vierte zweifelt hingegen vielleicht: "Ob die Geister mir wirklich gehorchen?"

Die Äußerungen werden von der Leitung als „echoing" sprachlich aufgenommen und verstärkt. Im „interviewing" kann auch nachgefragt werden, wenn beispielsweise Inhalte nur angedeutet werden.

Nach einigen Äußerungen lenkt die Leitung zum Text zurück. Ein nächster Satz oder Abschnitt wird gelesen und erneut da innegehalten, wo Fragen an den Text offen bleiben. Die Gemeinde bekommt erneut eine Rolle zugewiesen, die entweder eine andere Person oder auch die gleiche Person in einer späteren Situation sein kann. Erneut äußern sich Einzelne.

So könnten weiter die Verse 8-11 gelesen werden, in denen die Jünger aufgefordert werden, nur Stab und Schuhe, nicht aber Geld, Tasche und ein zweites Hemd mitzunehmen, in einem Haus zu bleiben, wo sie aufgenommen werden und im anderen Fall den Staub von den Füßen zum Zeugnis gegen dieses Haus zu schütteln. Dann werden vielleicht noch einmal die Jünger gefragt: „Jünger, nun wird es konkret. Was geht dir durch den Sinn bei diesen Anweisungen?"

Anschließend könnten die Teilnehmenden in der Rolle des Jesus gefragt werden: „Jesus, du siehst deine Jünger ziehen, je zwei und zwei zusammen, und blickst ihnen nach. Wie ist das für dich?"

Abschließend könnten noch einmal die Jünger nach ihrer Rückkehr gefragt werden: „Welches war die wichtigste Erfahrung für dich?"

Nach einigen Szenen wird der Bibliolog abgeschlossen. Die Leitung entlässt die Gemeinde aus den Rollen und führt im „Epilog" in die Gegenwart zurück. Die unterschiedlichen Aussagen und damit auch die unterschiedlichen Zugänge zum biblischen Text bleiben nebeneinander stehen und werden nicht in eine einheitliche Botschaft aufgelöst.


Pfeil2011 Weiterei Beispiele aus den Bereichen Gottesdienst, Schule und Gruppe
Pfeil2011 Literatur zum Bibliolog



Autor/in: Uhlendorf

Die deutschsprachige Internetpräsenz zum Bibliolog

Eine Kooperation von Prof. Dr. Uta Pohl-Patalong 



Sprecherin des Bibliolog Netzwerk International 

und dem Studienzentrum für 
evang. Jugendarbeit in Josefstal, 
Rainer Brandt

Rainer Brandt

Geschäftsführer des Bibliolog Netzwerkes International




Peter und Susan Pitezele haben den Bibliolog entdeckt und entwickelt. Zur Internetpräsenz von Peter und Susan Pitzele kommen Sie -> hier.